
Kunst am Markt am 18.07.25..
Was passiert, wenn Verletzlichkeit und Offenheit auf Härte trifft? Oder was war das gerade?! Das frage ich mich verwirrt, überrascht und etwas konsterniert am Freitag nach meiner ersten wirklich unangenehmen Begegnung mit einer Dame älteren Semesters, die ungefragt und ungebeten UND unerbittlich Stellung zu meiner Tagesskizze bezieht.
Ich zeichne nämlich immer während der Angebote und probiere neue Techniken aus oder lasse mich von meinen Gefühlen treiben, welche in mir während der Aktionen am Lautesten sind. Ich erhebe dabei keinen Anspruch auf Perfektion, strebe ganz im Gegenteil davon weg und versuche, das, was ich auch meinen Besucher:innen vermitteln möchte, selber in meinem Zeichenvorgang zu praktizieren – Wertfreiheit, Entspannung, eine gewisse Form der Ziellosigkeit, die sich auch fokussieren kann, die inneren harten Kritiker:innen zu besänftigen, die mich so unter Druck setzen können, dass mir ein leeres Blatt Angst macht oder jeder Strich, jede Linie, jede künstlerische Entscheidung destruktiv zerrissen werden. Ich versuche mich selber davon zu lösen und in der Freude, der Leichtigkeit und im Genuss des Tuns zu bleiben. Wenn mir das gelingt, kann ich glücklich tätig sein und es entsteht einfach, was gerade da ist. Manchmal hebe ich danach den Blick, gehe ein paar Schritte in Distanz und staune über das Ergebnis – und finde es selber sogar gut. Wenn das passiert, erlebe ich ein Hochgefühl, das selbst die immerwährend zeternden inneren Stimmen der Kritik zum Schweigen oder sogar zu Lauten des „Ohs“ und „Ahs“ bewegen können. Dann bin ich dankbar, dass ich durchgehalten, mir selber kein Bein gestellt und an mich geglaubt habe – bei jeder noch so läppischen Zeichnung!
Zurück zu dieser Dame. Sie ist die personifizierte Kritik im Außen, die sich langsam anschleicht und von der Seite heranrückt, ganz nah an mich herantritt, mir prüfend aufs Blatt stiert – und dann – ihren Mund verzieht. Ich bin irritiert, rücke etwas ab, und frage sie auch noch, was sie denkt, weil ich die direkte Kommunikation bevorzuge. Allerdings habe ich sie damit wohl eher eingeladen, meine Weichheit beiseite zu drücken, meine Verletzlichkeit laut anzubrüllen und mit dem erhobenen Zeigefinger auf meine innerlich grinsenden Kritiker:innen zuzugehen. Die Sätze:“ Das beißt sich, das ist nicht gelungen, das ist ja furchtbar, warum haben sie das denn so gemacht?“ peitschen mich aus, während sie mit ihrem Finger auf meiner Zeichnung hin-und herwischt. Ich schaue sie mit großen Augen an. Versuche mich zu schützen, indem ich ihr sage, dass ich sie als sehr streng empfinde und sie frage, ob sie selber zeichne. Sie bejaht und versucht mir gleichzeitig den Pinsel aus der Hand zu nehmen, um meine unsäglichen Fehler im Bild zu reparieren. Ich ziehe meine Hand weg, rufe ein NEIN aus und verweise darauf, dass dies doch Skizzen und Übungen seien und sie doch bitte eine eigene Arbeit anfertige solle, bevor sie mit den Fingern in meiner rumrühre und mir meine Arbeitsproben ins Nichts rede. Sie verneint, dass sie dazu keine Lust habe und zieht von Dannen.
Zurück bleibe ich mit erhobener Pinselhand wie zur Abwehr und atme fassungslos aus. Ich glaube, ich habe den Atem angehalten. Ich fühle mich zurechtgestutzt, wie ein kleines unartiges Kind. Ich schüttele mich. Irgendwie fühle ich mich beschmutzt. Fast möchte ich weinen, wie ein verletztes Kind. Und so ist es auch – ich bin verletzt worden, bin verwundet aus dieser Begegnung zurückgeblieben und wische mir nun erschrocken den Schmerz nach der unerbittlichen Bewertung ab. Richte meine inneren Kleider, klopfe den Staub der Wörter von meiner Haut und betrachte still meine Zeichnung.
Ich frage mich viele „Wiesos“. Wieso erlebe ich diese Begegnung als so verletzend? Wieso fühle ich mich so erniedrigt? Wieso bin ich davon so irritiert und erschrocken? Wieso hat das so eine Kraft, obwohl doch eigentlich gar nichts los ist? Wieso kann eine andere Person so etwas Zerstörerisches auslösen oder tun?Wieso konnte sie diese Auswirkung auf mich haben?
Kunst ist Verletzlichkeit. Kunst ist eine zarte Tätigkeit des Innersten, das nach außen dringt. Kunst ist etwas von sich preisgeben, was andere sehen und was daliegt und getreten werden kann. Kunst ist sich trauen, ins Sichtbare zu treten. Jede Linie und jeder Strich, jeder Fleck, kann ein Wagnis sein. Alles ist ein Teil meines Seins, meines Ichs, dem ich erlaube nach außen zu treten oder der Versuch, meinem Sein Ausdruck zu verleihen. Deswegen können einfach rausgehauene Sätze, Worte des Schmerzes und der Vernichtung werden. Deswegen habe ich selber einen langen Weg aus der Bewertung heraus begonnen und bin immer noch auf der Suche nach dem richtigen Maß von Rückmeldung und Feedback.
Deswegen habe ich eine Wimpelkette gebastelt und hänge sie jedes Mal an meinem Lastenrad auf, mit der ich die Kreativen ermutigen und die (inneren) Kritiker:innen besänftigen möchte.

Deswegen stelle ich mich offen mit meinen Zeichnungen ans Lastenrad und zeige mich mit meiner Verletzlichkeit. Ich bin überzeugt, dass jedes Wesen Kreativität in sich trägt. Und dass wir lernen sollten, verantwortungsvoll und liebevoll damit umzugehen.
Ich zeige hier ein paar entstandene Zeichnungen mit großer Freude und Dankbarkeit, dass die Menschen sich getraut haben, kreativ zu werden, dass sie Freude dabei empfunden und diese mit mir geteilt haben.

Ich freue mich auf alle weiteren Begegnungen und versuche weiterhin offen und weich dafür zu bleiben, damit ich das Geschenk daraus weiter sehen und erleben kann. Vielleicht können wir dies gemeinsam tun.
