Unser Bücherschrank hinter dem °Basch in der Wohldorfer Straße scheint auf den ersten Blick völlig harmlos. – Das täuscht!
Wir vermuten Magie. Wir vermuten, dass sich einige Bücher in unserem Bücherschrank blitzschnell an die Bedürfnisse jener Person anpassen, die gerade vor den Regalen steht. Zugegeben: das funktioniert nicht immer. Aber manchmal eben doch. Dann stöhnt da jemand “Wahnsinn!“ und erklärt mit 100-Megawatt-Lächeln: „Genau dieses Buch habe ich seit Jahren gesucht…“.
Wie das funktioniert wissen wir noch nicht. Möglich, dass die betreffenden Werke einfach keine Lust haben, länger dort draußen herumzustehen. Vielleicht treibt sie auch ihr Ehrgeiz. Man erzählt sich, bei einigen Büchern sei der Wunsch, gelesen zu werden so groß, dass sie vorbeieilenden Passanten ihre Anfangssätze hinterherrufen („Es war eine dunkle und regnerische Nacht – …nee wirklich!“). – Aber das kommt wohl eher selten vor.
Eindeutig Magie (und da sind wir uns sicher!) geschieht um Mitternacht. Schlag zwölf flattern aus den Fantasy-Romanen im Schrank die Drachen. Aus Liebesromanen schreiten adlige Chefärzte mit angegrauten Schläfen. Und aus den Kochbüchern kullern durchsetzungsstarke Schweinerollbraten (Hausmacherart).
Sie alle haben dasselbe Ziel: jeder von ihnen möchte für sein Buch einen Regalplatz in Augenhöhe. Weil man dort Leserinnen und Leser am besten erwischt, beginnt in den ersten Minuten des neuen Tages jedes Mal ein hektisches Geschubse. Manchmal eskaliert das. Zwischen den Gangstern zweier Krimis (beide Paperbacks) kam es neulich sogar zu einer Schießerei. Die verfeindeten Taschenbücher trennt seither das voluminöse Nachschlagewerk „Unser Jahrhundert in Wort und Bild“ (der Hardcover-Band ist mit so vielen Ruinen gefüllt, dass ein paar zusätzliche Einschusslöcher nicht auffallen).
Warum wir Ihnen das alles erzählen? Weil Bücher mit solch hochambitioniertem Protagonisten den Leserinnen und Lesern weit entgegenkommen. Spannende Texte muss man daher in unserem Bücherschrank nicht suchen – nein: man lässt sich von ihnen finden…!
Ein Beitrag von Hans Joachim Verhufen, AG Bücherschrank im Stadtteilrat Barmbek-Süd.
Hinweis: Beitragbild von Ulli Smandek / Bearbeitung Hans Joachim Verhufen